Digicams als Waffen der Neuzeit im Kampf gegen das Abgemolkenwerden durch die Tourismusindustrie


Als jemand, der immer gerne Reisen unternahm und oft Länder sehr direkt mit Einheimischen kennenlernte, fiel es mir bei meinem letzten Urlaub, der mich nach Barcelona führte, wieder vermehrt auf, wie furchtbar es geworden ist, touristisch zu reisen.

Die Tourimusindustrie

Dass aus dem Wunsch des Kennenlernens fremder Länder, vor allem innerhalb Europas, in den letzten zwanzig Jahren eine regelrechte Tourismusindustrie entstanden ist, zeigt sich vor allem in der immer gleichen Einfriedung von Sehenswürdigkeiten durch Zaun und Einlassstelle mit Kassa. Die Kühe, die rund um den Zaun grasen, werden heiß gemacht, langsam an diese Pforte geführt und abgemolken, und zwar ordentlich, mit Preisen zwischen 7 Euro mindestens, aber durchaus wird schon mal die 20 Euro-Marke überschritten. Klingt jetzt viel, ist auch viel, vor allem zu zweit oder als Familie, bei auch nur wenigen Abzockpunkten macht das schnell mal ein paar Hundert Euro aus. Und weil Kühe gerne ständig grasen, verführt man sie mit Kombitickets, die sie direkt zur nächsten Weide führen.

Geschickt hat die Tourismusindustrie auch gelernt, diese „Punkte des Interesses“ so an die heranströmenden Urlauber zu verkaufen, dass die Kühe auch nur genau diese kostenpflichtigen Punkte sehen wollen, sie werden magisch davon angezogen, da diese als Attraktionen gekennzeichnet sind. Die Kirche nebenan, die man kostenfrei besichtigen könnte, interessiert uns nicht. Die ist leer, kein Tourist, kein Mensch drinnen, wozu sollen wir uns die ansehen, wir wollen die sehen, wo wir dafür zahlen müssen. Und wir wollen dort sein, wo wir an den Tränken rundherum mit süßen Limonaden und fetten Burgern bei Laune gehalten werden.

Perfekt ausgeklügelt führen auch Touristenbusse meist in zwei, drei farblich verschiedenen Routen gekennzeichnet, die Kühe an die saftigen Weideplätze heran. Und wenn man das teure Busticket kauft, kriegt man auch überall schön 10% Rabatt an den Weideplätzen der Tourismusindustrie.

Nun haben die Kühe den Kriegszustand wohl erkannt, denn sie sind bewaffnet: sie tragen Digicams, Camcorder und Smartphones um zurückzuschlagen.

Der Kriegsschauplatz und seine Krieger

Erbarmungslos fotografieren und filmen sie alles ab, was sich ihnen in den Weg stellt. Der Kriegsschauplatz der Moderne entsteht, die ehemaligen Trampelpfade aus den 70er Jahren sind zu Schneisen der Verwüstung gworden. Tausende Fotos aus dem einwöchigen Urlaub bringt wohl mittlerweile jeder mit nach Hause. Meine Beobachtungen zeigten auch eine teilweise gelangweilte Einstellung dabei: den Fotoapparat in einer Hand, die bewegt wird und man drückt ab, ab, ab…… immer wieder – egal, Foto kostet ja nichts, eines von zwanzig wird schon dabei sein. Dies wiederum erschwert den anderen teilweise selbst den Kampf um das eigene Foto, denn oft sieht man auf seinem eigenen Foto schon mehr erhobene Hände mit Tablets und jeglichem technischen Gerät als das gewünschte Objekt.

Wieder andere scheinen professioneller: sie tragen schweres Gerät. Eine flache Digicam mit 15 Megapixel reicht nicht aus, eine digitale Weitwinkelspiegelreflexkamera mit zahlreichen Objektiven zeigt den anderen Mitkämpfern auch, wer das Feld regiert: hier wird scharf geschossen, exakt belichtet und künstlerisch gearbeitet. Der Knipserklassenkampf auf subtiler Ebene.

Oder man sieht das gesuchte Fotoobjekt schon nicht mehr, obwohl es sich laut Reiseführer, den man mittlerweile online GPS-gesteuert nutzt und sich punktgenau auf die Objekte der Begierde zusteuern lässt, genau hier befinden müßte. Aber, vor lauter Tourismuskriegern, die in allergischen Reaktionen auf die eben erfolgte Abmelkung panisch den Fotoattacken erliegen, erhält man selbst keinen Blickt mehr auf die Sehenswürdigkeit, wie bei den obigen Bildern im Park Güell bzw. den Menschenmassen rund um den „Magischen Brunnen“

Zwischenabzocke

Meint man aber mal die Ruhe gefunden zu haben und sitzt gemütlich auf einem Boot, (eigentlich ja auch nur um den Hafen auch vom Wasser schnell abzufotografieren) betrifft ein lustiger Musikant die Bühne. Aber Achtung: er will Dir nicht seine künstlerischen Fähigkeiten zeigen und eine besondere Atmosphäre für eine ganz besondere Fahrt aufbauen! Nein! Er entpuppt sich nach drei Liedchen auf der Ziehharmonika als brutaler Mitkrieger auf der Seite der Touristiker, der dann schnell mit gezückter Kappe die Kühe melkt, damit die ihre viel zu schweren Münzen endlich loswerden. Vorher kam noch das nette Mädel, das ganz unverbindlich ein Foto von den erschöpften Liebespaaren schießen wollte, um dann ganz unerwartet das Foto kurz vor dem Ende der Fahrt in einem Kartonbüchlein mit romantischen Hintergrund um 10 Euro zu verkaufen. Wer vorher nicht abwinkt, hat nun einen weiteren Kampf mit dem eigenen Gewissen zu führen, ebenso wie beim Musikanten, dem man durch einen Sprung ins Wasser entfliehen könnte.

Die Beute des Krieges

Die digitale Beute des Kurzkrieges befindet sich auf den kleinen Chipkarten, die dann am PC, am Tablet oder sonstwo mit Freunden angesehen werden. Immer weniger werden Fotos vermutlich entwickelt, gedruckt und künstlerisch aufgewertet um bleibende Erinnerung zu sein. Ich vermute, dass ein Großteil des digitalen Mülls nach ein paar Jahren durch defekte Medien zerstört ist, durch die nächste Generation an Geräten nicht mehr lesbar oder durch Schlamperei nicht mehr gefunden oder kopiert wurde.

Die Fotoalben meiner Vorfahren besitze ich noch immer. Ob die digitalen Massenfotos der Jetztzeit in 50 Jahren noch Erinnerungswert für die nächsten Generationen haben werden, weiß ich nicht. Masse wurde durch Klasse ersetzt.

Nahezu alle Objekte, die man im Schweiße seines Angesichts gejagt und fotografiert hat, findet man mit einem Stichwort als Suche im Internet tausendmal besser. Wozu fotografiert man sie selbst? Macht der Fotowahnsinn noch Sinn? Früher schoß man sehr bewusst 12, 24 oder 36 Fotos als entwickelte Erinnerung, heute führt sich das ganze langsam ad absurdum, oder?

Ich sehe aber auch keine Möglichkeit einer Verbesserung. Viele Menschen können reisen, sollen und wollen ja reisen. Wenn aber solche Mengen auf wenige Punkte treffen, ergibt sich dieses katastrophale Bild.

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Kategorien: Europa, Fotos & Bilder, Geschichten & Meinung, Gesellschaft, Humor | Schlagwörter: , , , , , , , , | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Digicams als Waffen der Neuzeit im Kampf gegen das Abgemolkenwerden durch die Tourismusindustrie

  1. Ein interessantes Thema mit vielen Denkanstößen. Und Spaß gemacht hat das Lesen auch. 🙂
    Ich mach‘ ja zugegebenermaßen auch immer unendlich viele Fotos, wenn ich unterwegs bin. Mein Glück, dass ich Orte meide, an denen sich zu viele Menschen tummeln – aber diese Orte sind manchmal nicht gar nicht so leicht zu finden.
    Liebe Grüße!
    Meike

    • Wir machen ja auch zu viele Fotos, bleiben aber immer im niedrigen dreistelligen Bereich pro Urlaub. Das ganze ist ja eine totale Selbstkritik auch.

  2. Insbesondere über „das Ziel“ dieses massiven Datenvolumens aus Bilder habe ich mir auch schon öfter Gedanken gemacht. Entweder das Zeug landes komplett auf Facebook, Flickr, Picasa etc. oder es wird wirklich irgendwann vergessen zu migrieren, backupen etc.
    Wir versuchen ein mal im Jahr ein Photobuch von Appel zu erstellen. Aus den besten Photos des Jahres…

    • Ja, letztendlich hat das Ganze nur Wert, wenn man es in irgendeiner Form entwickelt und in ein Album aus Papier bringt. Sonst ist es vermutlich auf lange Sicht verloren. Aber wissen werden wir das erst in Jahrzehnten.

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