„Entwicklungshilfe-Industrie“ schießt voll am Ziel vorbei


Auf einen interessanten Artikel stieß ich heute auf n-tv.de: „Afrika braucht keine Milliarden“ – Zu viel Geld – Zu wenig Hilfe.

Tausende Hilfsorganisationen und Staaten selbst bringen jährlich geschätzte Volumen von 100 Milliarden Euro an Geldern für Entwicklungshilfe auf. Gut gemeint und herzerwärmend von kirchlichen Stellen, zunehmend Prominenten, aber natürlich auch indirekt von Steuerzahlern aus den reichen Ländern.

Nun spricht der Politikwissenschafter Dr. Johannes Michael Nebe von der Universität Trier aus, was viele fühlen, und auch andere Experten bereits zum Ausdruck gebracht haben: diese Beträge schaffen nur neue Abhängigkeiten und bringen meist keine dauerhafte Hilfe.

Aus meiner Sicht handelt es sich um eine Machtdemonstration, es ist keine Hilfe gewünscht, in der es um eine Verbesserungen der Lebenssituation der Afrikaner geht, sondern soll der Kontinent „gefügig“ gehalten werden, unsere Vorstellungen von einem „guten“ Leben aufgedrückt bekommen und will man das gleiche verheerende Raubtierkapitalismussystem wie „bei uns“ implementieren.

Dabei sollten eher wir einiges vom „einfachen“ und zufriedenen Leben, wie es in den Stämmen Afrikas üblich war, lernen. Oder zumindest uneigennützige Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Auf die Frage „Welche Chancen gibt man den afrikanischen Ländern selbst, um ihre Vorstellungen einer Entwicklung zu realisieren?“ antworte Nebe:

„So gut wie keine. Entwicklungshilfe-Experten setzen sich viel zu wenig mit den besonderen Sozialstrukturen und der ethnischen Situation in einem afrikanischen Vielvölkerstaat und mit deren unterschiedlichen Kulturen und Traditionen auseinander, um darauf eine Entwicklungsstrategie sensibel anzupassen. Zudem werden die Beschenkten geradezu verwöhnt und angehalten, selbst nichts in die Hand zu nehmen. Eigene Verantwortung und Gestaltungswille der afrikanischen Regierungen bleiben damit unterentwickelt, weil jedes Problem mindestens einen Geber aus der westlichen Welt findet, der es zu lösen versucht. Aufgaben, die der Staat eigentlich zu erfüllen hat, werden dann kaum noch von ihm wahrgenommen. Staatliche Innovationsfreudigkeit und Eigeninitiative verkümmern auf diese Weise.“

Auch die Korruption bleibt ein großes Problem in Afrika. Eine klare Trennung zieht er aber bei der akut notwendigen Hungerhilfe.

Wie sollte die Entwicklungspolitik künftig aussehen?

„Zusammen mit nachhaltigen und überschaubaren Initiativen der Zivilgesellschaft – etwa durch den Ausbau einer dringend notwendigen Straßen-Infrastruktur in die regelmäßig vom Hunger bedrohten Gebiete, der Vorratshaltung an Nahrungsmitteln und einer ausreichenden Anzahl von Bewässerungssystemen – ließe sich die vielbeschworene Hilfe zur Selbsthilfe umsetzen. Entwicklungshilfe sollte die Leistungsfähigkeit der Partner voll ausschöpfen. Den „Bemutterungskomplex“ des reichen Nordens gegenüber Afrika gilt es abzulegen, wenn Afrika wirklich geholfen werden soll.“

Auch die zunehmende Tendenz, vor allem der USA und China, Land in Afrika zu kaufen um Intensivlandwirtschaft in Gebieten zu betreiben, die dazu nicht geeignet sind, zeigen ein ähnliches, tristes Bild von der Situation am Schwarzen Kontinent, der viel Potential hat, seine landschaftliche Schönheit, seinen Tierreichtum mit nachhaltigen Tourismusangeboten viel besser nutzen und schützen sollte.

(Quelle: Afrika braucht keine Milliarden)

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Kategorien: Afrika, Armut, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Wohlstand | Schlagwörter: , , | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „„Entwicklungshilfe-Industrie“ schießt voll am Ziel vorbei

  1. Viele Entwicklungspolitiker haben ein idealistisches Wunschdenken und kennen Afrika nur von kurzen Besuchen, die von den interessierten Entwicklungsorganisationen bestens in deren Sinne geplant wurden. Gezeigt werden Projekte mit begrenzten Lösungen für Einzelfälle. Fragen nach Ursachen, weshalb Entwicklungsprojekte scheitern, sind unbequem. Viel einfacher ist es mehr Geld zu fordern. Es ist erstaunlich , dass trotz der zahlreichen Fälle in den letzten Jahren, an denen sich gezeigt hat , wie intransparent und unkontrolliert die Abläufe sind, das System aufrechterhalten werden konnte.Entwicklungshilfe ob sie nun den Empfängern nutzt oder nicht ist positiv besetzt, so dass die Verantwortlichen ganz offensichtlich nicht bereit sind, etwas zu unternehmen. Das Afrikabild wird immer mehr von Hilfswerken geprägt. Sie haben einen Sonderstatus, der scheinbar jegliche Kritik verbietet. Es ist unverständlich, wenn derartige Organisationen, die erhebliche wirtschaftliche Eigeninteressen verfolgen, sich nicht damit anfreunden können, dass das eigene Handeln kritisch hinterfragt werden darf. Aus welchen Grunde sollten sie über jede Kritik erhaben sein? Sie sind wild entschlossen, nur das Beste von sich zu denken. Nur wenige Medien leisten sich noch festangestellte Korrespondenten. Deshalb ist quantitatives Denken in der Entwicklungshilfe weit verbreitet. Die lärm-und reklamefreudige Entwicklungshilfe-Lobby befeuert mit Verve immer wieder die Diskussion, denn allein in Deutschland leben über 100.000 Menschen von der Entwicklungshilfe.Wer diese Art „Hilfe“ kritisch hinterfragt setzt sich vehement der Kritik einer immer mächtiger werdenden Lobby aus.Das Schlimme ist, die Lobbyisten reden nicht nur Unsinn, sondern sie können diesen Unsinn auch durchsetzen. Die Geberstaaten sind vor 40 Jahren bei den Vereinten Nationen eine Selbstverpflichtung eingegangen. 0,7 Prozent am Bruttonationaleinkommen sollte der Anteil der öffentlichen Ausgaben für Entwicklungshilfe betragen. Seitdem gelten diese 0,7 % als magische Zahl für erfolgreiche Hilfe.
    Es hat aber keinen Sinn, erst über Beträge zu sprechen und dann über Aufgaben, die damit finanziert werden sollen. Das schlimmste an der Diskussion: Sie konzentriert sich auf finanzielle Größen – und leistet dem verheerenden Denken Vorschub, mehr Geld bringe mehr, mehr Geld bedeute mehr Entwicklung. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, dass sich Entwicklung von außen nicht steuern lässt, werden nicht zur Kenntnis genommen. Es gibt keine überzeugenden Argumente für immer mehr Geld wenn die Impulse für Entwicklung nicht aus dem Land selbst kommen. Wenn Entwicklungshelfer nach eigenen Erfahrungen die Sinnhaftigkeit der Hilfe in Frage stellen, wird dies von einer angstbesetzten Hierarchie als Illoyalität vorgehalten.
    Volker Seitz, Autor „Afrika wird armregiert“

    • Danke für Ihren sehr fundierten Kommentar. Freue mich darüber, inbesondere von Menschen wie Ihnen, die offensichtlich, wenn ich mir Ihre Seite ansehe, tatsächlich in dem Bereich viel Erfahrung haben.
      Inbesondere ärgere ich mich persönlich immer, weil ich das Gefühl habe, man will alle Afrikaner so leben sehen, wie wir – in adretten Städten mit bürgerlichen Klischees, Vorgarten und Gartenzwergen.
      Dabei hat niemand gefragt, ob die Menschen das überhaupt wollen, abgesehen davon, dass es vermutlich kaum möglich ist.
      Immer wieder werden die Menschen ihren Stammestraditionen entrissen, mit der Aussicht auf „Jobs“, bei denen sie nichts verdienen, nur die Konzerne profitieren, dann an ein Leben in Wellblechhütten an Stadträndern in Ghettos gewöhnt werden, dem Alkohol und Drogen verfallen und in ihr altes Leben nicht mehr zurückkönnen (und irgendwann auch nicht mehr wollen vermutlich?).
      Diese Entwicklung, so erscheint es mir als jemand, der das nur aus der Ferne beobachten kann, findet leider auch in Südamerika statt.
      Ich war bisher in Afrika nur in Namibia und habe dort das Gefühl, dass manches ein wenig besser läuft. Oder täuscht mich der Eindruck nur?

  2. Es lohnt sich einen optimistischen Blick auf den Senegal, Niger und Guinea zu werfen. Im Niger und Guinea gibt es erstmals demokratisch gewählte Regierungen. Positive Entwicklungen gibt es in Botswana (es gab nie einen politischen Gefangenen),Mauritius, Ruanda und Ghana. Dies gilt auch
    mit Einschränkungen für Südafrika und Namibia.Jedes Problem Afrikas geht auf starke Bildungsdefizite zurück. Es genügt aber nicht Laptops nach Afrika zu schicken. Dringender als Internet sind grundlegende Dinge, wie gut ausgebildete Lehrer und Strom in den Klassenzimmern. Wenn dies nicht durch den Staat gesichert ist, ist jede Hilfe von außen nicht nachhaltig. Leute, die das Geld und die Macht haben, schicken ihre Kinder in den Westen zur Schule, bringen ihr Geld ins Ausland und lassen die Probleme in Afrika zurück. Der südafrikanische Wissenschaftler Moeletsi Mbeki ist überzeugt, dass „einige afrikanische Machthaber Angst vor zu viel Bildung haben, denn damit werden sie automatisch zunehmend hinterfragt. „Diese Länder haben nicht verstanden wie stark der Wohlstand eines Landes von der Bildung abhängt. Die Anstrengungen lohnen sich. Das Bildungsniveau ist heute ein zuverlässiger Gradmesser für die langfristige Wohlstandsentwicklung eines Landes. Seit der Unabhängig wurden in vielen Ländern noch nie vom Staat Schulen gebaut. Entweder sind es Schulen aus der Kolonialzeit, kirchliche Bildungseinrichtungen, durch ausländische Entwicklungshilfe und Privatinitiativen errichtete Schulen. Afrikas Milliardäre und Millionäre investieren nicht im eigenen Land, 700 Milliarden Dollar sind außerhalb des Kontinents geparkt.
    Volker Seitz

    • Wenn man nur finanziell helfen kann, welche Projekte würden Sie empfehlen?

      Gibt es Projekte wo man kurzzeitig, wie anstelle eines Urlaubs, aktiv persönlich helfen kann?

  3. Durch die hohen Studiengebühren ist vielen Afrikanern nicht möglich das Studium ihrer Kinder eigenständig zu finanzieren. Hier hilft u.a. der Verein ZIKOMO(“Danke”) in Graz. Es werden afrikanische Studenten und Studentinnen in ihren Heimatländern gefördert. Studienbezogene Kosten werden übernommen. (http://www.zikomo.at) Die Überwindung der Bildungsarmut bedeutet besonders für
    die Frauen Selbstvertrauen und eine Chance ihre Situation dauerhaft zu ändern. Mit diesen so genannten Sur Place Stipendien kann auch der Abwanderung des hochqualifizierten akademischen Nachwuchses aus ökonomischen Gründen entgegen gewirkt werden. Auf diese künftigen Fach-und Führungskräfte, insbesondere im naturwissenschaftlich technischen Bereich, sind die Länder
    dringend angewiesen.
    Die African Medical and Research Foundation(http://www.AMREFgermany.de) baut seit 1957 einen Basisgesundheitsdienst in Ostafrika auf. Allein dieTatsache, dass von den 700 Mitarbeitern 95 % von AMREF ausgebildete Afrikaner sind zeigt, dass richtige Lösungen gefunden wurden: Afrikaner helfen Afrikanern. Die “Flying Doctors” wie sie auch genannt werden, betreuen über 240 Krankenstationen. Rund 20 000 Krankenschwestern wurden von ihnen ausgebildet.

    Aktiv-auch im Urlaub- helfen können m.E. nur Ärzte oder Pflegepersonal.Bei allen anderen Berufen halte ich dies nach meinen Erfahrungen für Kurzaufenthalte nicht für sehr sinnvoll.Nur so eine Idee: Vielleicht können Sie einen Kontakt zu einer Zeitung herstellen und dort mitarbeiten. Das könnte sehr spannend werden. Vielleicht könnte Zikomo über ihre Vertrauensleute vor Ort einen solchen Kontakt vermitteln.Gute Sprachkenntnisse: englisch und oder französisch wäre sicherlich Voraussetzung.
    Volker Seitz

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